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Totenregister Öschelbronn 1623

Detaillierter Bericht über die Trauerfeierlichkeit des mit militärischen Ehren beigesetzten Soldaten Georg Grauer aus Sickenhausen, der in Öschelbronn im Haus des Pankratius Deichler verstorben ist

Öschelbronn, 9./19. Januar 1623

9. Januarii

Ist ein Sperwers-Eckhischer1 Soldat mit Namen
Georg Grauer (sonnsten vonn den Soldaten
nur der Schüreguckhes gehaißen) von Sickhenhau-
sen2 unnder Tüwingen3 am Neccer gelegen,# unnd
folgenden Tag nachgesetzttermaßen begraben worden.
Junckher Fendrich Matthias Brandtmüller
kam vor dem Zusammen-Leutten mit Trommen
unnd Pfeiffen sampt der gantzen Compagni für ob-
ermeltt Hauß geruckt, und darvor, „daz Mitten
wir im Leben etcetera”4 cläglich schlagen und pfeiffen lassen.
Folgendts seindt die Musquetierer in der Ordnung voran
mit under sich gekerten unnd under den Armen gefaßten
Rohren gezogen, denen die Pickhanierer mit schleiffenden
Pickhen5 gefolgt. Darauff die Leicht in einer Baar
in Leinwatt eingenähet, von vieren Pickhanieren
uff 4 Pickhen getragen. Mitt solchem Procesß
fort uff den Kirchhoff, sie alldar nidergestellt. Biß
die Predigt verricht war (deren Text: Epistel6 Job,7 Capitel 7:
„Muß nit der Mensch immer im Streit sein“),8
hatt man nach gesprochenem ‚Vatter unser’ ein Salve
geschoßen, und als alles vollendet, widerumben
mit solchem Proceß vom Kirchhoff nach dem Gotts-
ackher etcetera. Vorher gienge[?] der Corporal mit under sich ge-
kertthen Hellpartten, darauf die Spil und sonsten
wie oben. Uff die Leicht Junckher Fendrich und ich,
der Pfarrer,9 drauff die Gmeind von Weib unnd
Mannen. Als er ein wenig eingeschärt, wurde vom
halben Theil der Musquatierer Feur ins Grab geben;
da das Grab halb gefült, vom andern halben Theil,
biß es schier gar eben von gesampten Hauffen, daz
man vor Rauch schier nichts gesehen kundt. Alls
alles vorüber, steckte der Corporal sein Hellparten
unnder sich ins Grab, kniete nider auffs Grab, umb in
herumben vorderst Junckher Fendrich, dann die ganntze
Compagni, und betteten heimlich ein ‚Vatter unser’. Drauff
sie samptlich gleichwol nit clagent wie vorhin, sondern
mit gewohnlichem Marschierstreich[?] wider abgezogen.

 

 

# in Pangratij
Deichlers Hauß
allhier ge-
storben


1 Vermutlich Kompanie- oder Regimentsführer aus der Familie von Sperberseck.

2 Sickenhausen, Stadt Reutlingen RT.

3 Stadt Tübingen TÜ.

4 Gemeint ist Martin Luthers Lied „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“.

5 Pike = Lanze, die einfachste Waffe eines Rekruten.

6 Epistel (lat./gr.): a) Brief; b) liturgische Kurzbezeichnung für zu lesende Abschnitte in der Bibel.

7 Hiob, Ijob, Job = Gestalt im Alten Testament.

8 „Muß nicht der Mensch immer im Streit sein auf Erden, und sind seine Tage nicht wie eines Tagelöhners?“ (Hiob Kap. 7, Vers 1).

9 Pfarrer Johannes Faber, 1617 in Öschelbronn aufgezogen, dort gest. am 27. Aug. 1623, ruht im Chor, durch Grabstein bezeugt.

Quelle Kirchenbuch Öschelbronn, Mischbuch 1558–1678.
Original Landeskirchliches Archiv Karlsruhe, online bei Archion: https://www.archion.de/de/viewer/?no_cache=1&type=churchRegister&uid=91854