Loading...

Gemeinde Ersingen an Markgraf von Baden-Baden 1623

Der Ersinger Schultheiß Georg Friedrich Varnbüler1 berichtet auf dessen Anforderung dem Markgrafen Wilhelm von Baden-Baden2 nach dem Ende der Oberbadischen Okkupation3 über Folgen des Durchzugs kaiserlicher Truppen im Vorjahr. Varnbüler beklagt Todesopfer und Zerstörungen in Ersingen4 und Bilfingen5 sowie an den Frauenalbischen Gebäuden in Königsbach6 und Oberwössingen7 und erwähnt dabei vor allem, dass die fällige Brandsteuer nicht eingezogen werden könne, da die Schäden und Verwüstungen (insbesondere am Kloster Frauenalb8 ) so verheerend seien, dass es am Notwendigsten fehle.

Ersingen, 30. Januar/9. Februar 1623 (Ausfertigung)

Durchleüchtiger hochgeborner Fürst, Euer
Fürstliche Gnaden, seyen mein underthenige, huldige,
gehorsame und gantz geneigt willige Dienst
jederzeytt zuvor9.
Gnediger Fürst unnd Herr, Euer Fürstliche Gnaden, in
Underthenigkheyt zu berichten, wie hoch
sich die gesamlete Brandtstewr in meinem
anbevohlenem Ampt erstreck, auß waß für
Gefällen10 unnd woher solche genommen, wie
nicht weniger auch, was in meinem anbe-
fohlenem Ampt vor Brandt, Raub unnd andere
Schäden geschehen, haben Euer Fürstliche Gnaden gne-
dig zu vernehmmen, daß in meinem anbe-
fohlenem Ampt deß kayßerischen Durch-
zugs unnd deßwegen zugefügten Schadens11
gantz kein Brandstewr eingesamlet noch
uberschickt worden. So ist auch in meinem
anbefohlenen beeden Amptsflecken Er-
singen unnd Bilffingen gottlob kein
Brandt geschehen, aber die Heüßer heßlich
verwüstet, Thüren, Träg, Fenster unndt
anders alles zuschlagen unnd verhawen.
Unnd was sie gefunden unnd ihnen be-
liebig geweßen12, mitgenommen. Das Ubrig
hin und wider verschlembt unndt verderbt13.
Das Vieh haben die Underthonen weggeführt
gehabt, biß an etliche Pferd, so den Und[er?]-
thonen, welche Brot unnd Habern naher
Durlach14 geführt, genommen worden. Der
Herrschaft Speicher ist auch geöffnet,
die Thüren zerhawen unnd die eyßerne
Gätter außgebrochen. Unnd die Früchten alle
miteinander genommen. Unnd der Wein uff
ungefähr 15 oder 16 Fuder15 außgetruncken
unnd in die Erden gelaßen. Und neun
Manßpersohnen alhie jähmerlich er-
hawen16, darunter die ein Manßpersohn
an die Füeß gehenckt und also ersticken
laßen. Niemanden, so sie im Flecken ge-
funden, lebendig gelaßen. Die im Ampt-
unnd Pfarrhauß alhie eingeschlagene
Thüren, Fenster unndt Öffen, wie auch die
Keller- unnd Speicherthüren unnd Gütter,
hab ich erhaischender Nohturfft nach wider
machen laßen17. Die Kirch aber zu Kön-
nigspach, daran das Closter Frawenalb
das Chor18 wegen deß großen Zehenden19
daselbsten, zu erhalten unnd zu bawen
schuldig, wie auch das Pfarrhauß, Zehend-
schewr20 unnd deß Closters Frawenalb
Fruchtkasten21 ist neben dem Widumbhauß22
uff dem Boden abgebrant unnd die Glocken
zerschmoltzen. Das Pfarrhauß aber zu
Oberweßingen ist zwar nicht abgebrant,
aber also zuschlagen unnd zugericht, daß
solches ohne repariert nicht mehr bewont
werden mag. Unnd hatt laider dießer Durch-
zug alhie mich, weyl ich auß Mangel Fuhr
nicht Sonderliches wegbringen mögen, am
hertesten getroffen, so ich mit etlich hun-
dert Gulden nicht ersetzen kan. Welches
Euer Fürstliche Gnaden dero gnedigem Bevehlen nach
in undertheniger Gehorsame berichten sol-
len.

Hohermelt23  Euer Fürstliche Gnaden dem starcken
Schutz Gottes zu beständiger langwieriger
Gesundheytt, Glück und fridsamer Regier-
ung hiemit trewlich unnd dero Gnaden
mich in Underthenigkheytt empfelendt.

Ersingen, den 9ten Februarii Anno 1623
Euer Fürstliche Gnaden
Undertheniger gehorsamer
Geörg Friderrich Varnbüler


1 Varnbüler, Georg Friedrich, 1613–1625 Schultheiß zu Ersingen und Bilfingen (Kreisarchiv des Enzkreises, Ortsvorsteherdatei).

2 Baden, Markgraf Wilhelm von Wilhelm (Baden-Baden) – Wikipedia (TT.MM.JJJJ).

3 Die Oberbadische Okkupation war die Besetzung und Verwaltung der (oberen) Markgrafschaft Baden-Baden (einschließlich der Gebiete des Klosters Frauenalb) durch die Markgrafschaft Baden-Durlach, die von 1594 bis 1622 andauerte.

4 Ersingen, Gemeinde Kämpfelbach PF.

5 Bilfingen, Gemeinde Kämpfelbach PF.

6 Königsbach, Gemeinde Königsbach-Stein Pf.

7 Oberdorf von Wössingen, Gemeinde Walzbachtal KA.

8 Kloster Frauenalb, Gemarkung Schielberg, Gemeinde Marxzell KA

9 Bedeutung: „seyen … zuvor“ = hier: sei(en) … versichert.

10 Bedeutung: „Gefälle“ = hier: Abgabe, Einnahme, Steuer, fälliger Zins.

11 Bedeutung: „deß kayßerischen Durchzugs unnd deßwegen zugefügten Schadens“ = aufgrund des Durchzugs der kaiserlichen Truppen und des dadurch entstandenen Schadens.

12 Bedeutung: „ihnen beliebig geweßen“ = ihnen (den Plünderern) gefallen hat.

13 Bedeutung: „verschlembt unndt verderbt“ = verdorben und vernichtet.

14 Durlach, Stadt Karlsruhe KA.

15 Bedeutung: „Fuder“ = Volumenmaß; hier für Flüssigkeiten; 1 Fuder = je nach Region etwa 800 bis 1800 Liter; üblicherweise bestand das Fuder aus 12 (Schank-)Eimern. Im Großherzogtum Baden z. B. entsprach 1 Fuder ca. 1500 Litern; in Württemberg schon 1557 ca. 1764 Litern.

16 Bedeutung: „jähmerlich erhawen“ = in schändlicher/verabscheuungswürdiger Weise erschlagen.

17 Bedeutung: „erhaischender Nohturfft nach wider machen laßen“ = zur Errichtung notwendiger Unterkünfte wieder instand setzen lassen.

18 Bedeutung: „ das Chor“ = Chorgestühl, Erker (im Kloster).

19 Bedeutung „Zehend“ = der Zehnte; die steuerliche Zinsabgaben. (Um diesen einziehen zu können, bedurfte es eines intakten Klosters).

20 Bedeutung: „Zehendschewr“ = Zehntscheuer; Vorratsspeicher, in dem die Zinsabgaben (der zehnte Teil des Ertrags) in Form von Naturalien verwahrt wurden.

21 Gebäude zur Aufbewahrung von Gütern verschiedener Art, Lagerhaus, Packhaus; im Mittelalter sehr häufig ein Korn- oder Getreidespeicher.

22 Bedeutung: „Widumbhauß“ = Der Kirche gestiftetes Haus (Hof).

23 Bedeutung. „Hohermelt“ = eine hochwichtige, schon genannte Person; der bereits genannte Fürst.

Quelle Generallandesarchiv Karlsruhe 229/26287
Die Wiedergabe der Transkription folgt der Originalquelle buchstaben- und zeilengetreu.